Donnerstag, 15. Februar 2018

ich bin


Ich ziehe an Türen, die man drücken soll. 
Ich lasse Gabeln fallen und verteile mein Essen gerne rings um den Teller herum. 
Ich wünsche Kellnerinnen und Kellnern ebenfalls einen Guten Appetit. 
Und dann lache ich peinlich berührt, aber schäme mich nicht. 
Ich vergesse oft Geburtstage und Termine und bin oft zu spät. 
Ich frage noch einmal nach etwas, das gerade eben erst erklärt wurde. Aber meine Gedanken sind wie Blätter im Wind und ich fliege oft mit ihnen fort. 
Ich bin keine gerade Linie. 
Ich bin nicht nakd Paletten und flache Bäuche und ich bin nicht immer süß. Ich ziehe gerne Grimassen. Ich liebe dad jokes. Auch wenn niemand darüber lacht. Ich esse, was ich will und schäme mich nicht darüber, wie. Ich fühle mich schnell zuhause, doch finde nur langsam ein Heim. Ich bin kein sonniger Mai, ich bin ein nebeliger September, und morgen bin ich die Neujahrsnacht. Manchmal bin ich ein verregneter Sonntag. 
Aber ich bin keine gerade Linie. 
Keine teuren Uhren um mein Handgelenk, nur alte Narben und Armbänder, die das Salz des Ozeans tragen. I
ch bin bloß froh, frei zu sein - unabhängig und frei. Ich bin bloß froh, atmen zu können, und zu lachen ohne die Hand vor den Mund zu nehmen. Ich weiß, ich kann nicht rappen, aber tu es trotzdem, und zwar laut. 
Mein Zimmer ist ein Ebenbild meines Kopfes, hier ist nichts aufgeräumt und doch alles an seinem Platz. Mein Eyeliner ist manchmal verwischt und Socken passen grundsätzlich nie zusammen. Ich bin kein Regenbogen, ich bin eine Wolke. Und in Wolken sieht ein mancher eine Gestalt, und ein anderer sieht eine Wolke.
Ich bin keine gerade Linie. 
Ich bin ein renoviertes Bauernhaus.
Von außen jung und sauber, frisch gestrichen und einladend. Den Weg zur Haustür von Rosen umrahmt. Unter der Fassade jedoch modern die alten Steine. Das Fundament von Moos und Maden befallen, die Fenster klemmen an allen Ecken. Der Parkettboden knarzt, die Treppe ist brüchig, und irgendwo in einem Schlafzimmer ist mal jemand gestorben. 
Ich pflechte mir meine Lügen um meinen Kopf wie Efeu, so schmückt man sich heutzutage, wenn von innen nichts mehr Sinn ergibt. Ich will jeden Tag was neues erschaffen, die Krise aussitzen, die Welt berühren, doch am Ende des Tages bleiben es nur zwei Sätze, oder drei, und meine kalte Bettdecke.
Für Mädchen wie mich gibt es keinen Himmel, denn wir fliegen lieber weiter, Richtung Sterne. Ich bin glücklich, aber manchmal bin ich leise. 
Manchmal renne ich, manchmal liege ich auf dem Boden und schaue mir die Wolken an. 
Manchmal scheint die Sonne und ich kann sie nicht sehen. Und manchmal scheint sie und ich werde verbrannt. Manchmal finde ich Leben nicht leicht, aber das finde ich interessant. Ich wickel' mich um Probleme und starre sie so lange an, bis sie sich mit mir anfreunden wollen. Oder bis sie mir gefallen. 
Ich bin keine gerade Linie. 
Mein Gesicht ist nicht symmetrisch, meine Haare schwer zu bändigen, mein Herz tief und schwer. Da ist ein Loch in meinem Oberkörper, ich versuche es seit jeher zu füllen mit Leben, und schaust du hinein, lasse ich dich hineinschauen, dann siehst du ein Mosaik der buntesten Erinnerungen, mit denen ich die Dunkelheit in mir fülle, jeden Tag, immer wieder. 
Ich bin nicht leicht, ich fordere. Ich sage meine Meinung. Ich bin kein perfektes Selfie, ich wachse jeden Tag. Ich habe Angst vor dem Normal werden und Angst vor Kontrollverlust. Ich kann nicht mitlaufen. Ich gehe meinen eigenen Weg. Und ich bin stolz auf meine Entscheidungen und stehe zu meinen Fehlern. 
Verglichen mit den anderen Mädchen da draußen bin ich für manche ein Niemand, doch für einige ein Alles. Und für mich, für mich bin ich keine gerade Linie, gott sei Dank. Wie langweilig das Leben doch wäre, wäre ich nicht ich.