Vor ein paar Monaten bin ich früh aufgewacht.
Es muss so 6 Uhr gewesen sein, der Morgen nach einer Party.
Mein Magen war flau, mein Kopf brummte.
Trotz erst grob drei Stunden Schlaf war ich sofort hellwach.
Wir waren zu Besuch in der Heimat und ich hatte nichts zutun.
Also stand ich auf, striff mir Jogginghose, Pulli und Jacke über und verließ das Haus.
Das Dorf schlief noch - Rolläden waren noch heruntergelassen, die Lichter aus, die Dämmerung brach gerade erst ein. Kein Auto auf den Straßen. Ein frischer Oktobermorgen in absoluter Stille.
Nur ein paar Gänse oder Enten flogen über mich hinweg, Richtung Spanien oder Portugal waren sie unterwegs. Ich dachte an die Mohn- und Sonnenblumenfelder, an Storchennester und Sonnenuntergänge und wünschte den Gänsen schweigend eine gute Reise, während sie sich entfernten, zu kleinen Punkten am Horizont wurden und schließlich nicht mehr zu sehen waren.
Ich ging einen Landweg hinunter.
Die Hände in den Jackentaschen vergraben, das Gesicht bis zur Nase im Schal versteckt, ich lief einfach. Mir war nicht kalt, obwohl ein eisiger Wind über die Felder fegte. Er kitzelte meine Nasenspitze, aber mein eigener Atem wärmte mich.
Und wie ich lief, so verlor ich die Übelkeit. Die Kopfschmerzen verschwanden ebenfalls. Ich schaute nicht auf mein Handy, war nicht in Eile, hatte nirgends zu sein, niemand erwartete mich.
Ich musste bloß gehen.
Ich lief an einem Bauernhof vorbei, hörte, wie die Kühe sich leise unterhielten, der Bauer hatte gerade das Scheunentor geöffnet.
Die kahlen Äste der Bäume stachen in den weißen Himmel.
Hier und da stieß ich ein paar Steine vor mir her, rieb meine Schuhe am feuchten Gras. Meine Socken wurden nass, das war egal. Ein Fuß vor den nächsten, ich lief einfach, an weiten Feldern vorbei, auf denen niemand grast. Vorbei an gefrorenen Ackern, auf denen noch lange nichts angebaut wird.
Die Landluft füllte meine Lungen, tief atmete ich ein, und wieder aus. Es war der Geruch von verblühten Sträuchern, nassem Laub und ein bisschen Erde.
Allmählich kam ich zurück in die Siedlungen. Mittlerweile wurden Gardinen beiseitegeschoben, Rolläden hochgezogen, die Küchenlichter brannten. Ich stellte mir vor, wie Frühstückseier gekocht würden, Kaffeebohnen gemahlen, Kerzen angezündet, Hunde vor die Tür gelassen.
Irgendwann stand ich wieder vor meiner Haustür.
Ich bemerkte, dass ich zweieinhalb Stunden gelaufen bin.
Heute ist der 13. Januar. Ein Montag. Ich bin zurück in meiner Stadtwohnung.
Und wie fast jeden Tag sehne ich mich zurück an den Oktobermorgen.
Möchte einfach gehen und nirgends sein müssen, von niemandem erwartet werden. Meinen Kopf einfach nur auf meinen Schultern tragen.
Möchte das Schweigen des Morgens auf dem Land durch meine Kopfhörer in der Bahn hören.
Möchte den Spaziergang greifen und an mein Herz nähen, die Knoten ganz fest ziehen.
Aber dieser Oktobermorgen ist weit entfernt, so weit entfernt, ich strecke beide Arme aus, ich kann ihn nicht berühren, er wird immer kleiner, wie ein Punkt am Himmel, wie die Gänse, die jetzt in Spanien über Sonnenblumenfelder gleiten, oder in Portugal, und ich wünschte, sie hätten mich auf ihren Flügeln sitzen lassen und mitgetragen, denn Gänse haben keine Klausurentermine, keine Abgabefristen, keine Mindestseitenanzahlen, Gänse müssen kein Geld für Miete, Strom und Gas auftreiben, sie tragen einfach ihren Kopf auf ihren Schultern. Und dann fliegen sie einfach.
Einfach.
Ich sehne mich so sehr nach dieser Einfachkeit, was auch immer das bedeutet.
Meine Tage sind gefüllt, randvoll quellen sie über, immer gibt es Vorlesungen, die nachgearbeitet werden müssen und Themen, die ich nicht verstehe.
Nie bin ich fertig.
Ich bin auf Draht, wache auf und mir ist übel, doch fehlt die Party am Vortag.
Getrieben durch Nervösität lese ich mich durch Zusammenfassungen, wühle meine Finger durch die Regale der Bibiothek, beriesele mich mit suboptimalen Hörbüchern über Philosophiegeschichte.
Aber wie ein Sieb rieselt alles durch mich durch, nichts bleibt hängen.
Nie bin ich fleißig genug, klever genug, diszipliniert genug, könnte immer besser sein.
Könnte immer woanders sein, etwas anderes tun.
Der Winter zieht sich wie eine dunkle Kralle über mein Semester, und mir ist kalt.
Mir ist einfach nur kalt.