Mittwoch, 11. März 2020

Heimat?

Home is where your heart is.
Das Zitat stand in rot ausgemalten Großbuchstaben auf dem Abschiedsbuch, das ich im Herbst 2014 in meinem Freundeskreis herumreichte. Drumherum Fotos vom Sydney Opera House, den Twelve Apostels, der Skyline von Brisbane. Die Vorstellungen über mein anstehendes Auslandsjahr zirkulierten um all diese großen Touristenmagneten, von denen ich letztendlich kaum etwas tatsächlich gesehen habe.
Der Flug am 22. Januar 2015 war nicht nur der erste Flug meines damals erst fünfzehn Jahre langen Lebens, sondern auch der Start in eine lange Entdeckungsreise rund um die Welt und auch um mich selbst.
Ich dachte, Australien würde mein zweites Zuhause werden. Und in gewisser Weise war dem auch so. Aber im Sturm der Selbstfindung, der zu dieser Zeit um mich wirbelte, dachte ich vorallem zum ersten Mal in meinem Leben über mein erstes Zuhause nach – das Zuhause, aus dem ich gekommen war, und das nun fehlte.
Und reagierte überrascht, als irgendwann das Geräusch des Rasenmähers meines Gastvaters urplötzlich einen tiefen, innigen Sinn für Heimat in mir auslöste. Oder der Geruch von Gewitterregen. Oder Mineralwasser. Aber was ist eigentlich Heimat? Warum ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, mein Zuhause?
Wo komme ich her? Und was bedeutet das für mich?
Und so saß ich am Strand der Zwei-Millionen-Metropole Perth und begann, nachzudenken.

Mein Dorf hat um die 440 Einwohner. Ich sage immer, mit drei Vierteln davon bin ich verwandt. Manchmal lache ich dabei, aber eigentlich ist es wahr. Wir haben keine Supermärkte, Ärzte, Friseure oder Drogerien. Aber wir haben einen Kanal, einen kleinen Campingplatz, einen Gasthof, eine Maschinenbaufirma, eine kleine Grundschule und einen Kindergarten. Letztere besuchte ich beide. Es gibt eine Hauptstraße. Die Kühe stehen noch auf großen Weiden.
Im Sommer duftet mein Dorf nach braunem Kanalwasser und Gülle. Motorradfanatiker jagen das Tempolimit der Landstraßen. Familien radeln im Entenmarsch zur Eisdiele, entlang der Deiche, die sich durch den Ort schlängeln. Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Badesee, rufen sich Sachen zu, lachen laut. Man hört Rasensprenger, Bienen, und immer irgendwo einen Rasenmäher.
Meine emotionale Bindung zu Rasenmähern ist sehr stark, und manchmal ist das komisch. Jetzt wohne ich in einer Drei-Zimmer-Stadtwohnung mitten in Magdeburg, und wenn die Wohngenossenschaft die Gärtner schickt, um den Rasen vor dem Haus zu mähen, sitze ich am Fenster und träume, wie mein Papa mir früher auf unserer Wiese einen Gang ins hüfthohe Gras mähte, in dem ich dann in meinem blauen Arielle-Kleid Seifenblasen pustete oder so etwas.

Der Herbst legt sich verwunschen und müde auf die Maisfelder meines Dorfes. Das Ernte-Dank-Fest zieht durch die Straßen und alle sind dabei. Es wird geschmückt, gewunken, gelacht und natürlich viel getrunken. Irgendwann ist der Mais geerntet und die Blumen verblüht. Die Blätter gefallen und die Sonne verschwunden. Ein Teppich aus Buchen- und Kastanienblättern in allen Farben eines Sonnenuntergangs lädt zum Basteln und Rascheln ein. Der erste Raureif bedeckt den Garten. Nebelschwaden ziehen über die Felder und verstecken die Rehe, die dort in der Früh grasen. Irgendwann muss man eher aufstehen, um die Windschutzscheibe vom Auto freizukratzen. Winter ist, morgens um sieben in der Dunkelheit bei Kerzenlicht Kaffee zu trinken. Nach Totensonntag werden die Häuser dekoriert. Es winden sich nun überall Lichterketten um die Hecken und Büsche. An Heiligabend trifft sich das Dorf in der Kapelle. Man kennt jedes Gesicht. Und es gibt ein Krippenspiel.
Aber ich denke, der Charakter meines Dorfes lässt sich am besten erfassen in der Zeit nach Neujahr und vor Ostern, die sich über den Kalender spannt wie ein klebriges, unsichtbares Spinnennetz, in dem man sich leicht verfängt, wenn man nicht aufpasst. Wenn die Weihnachtslichter heimlich und plötzlich aus den Vorgärten, von den Straßenlaternen und Fensterbänken verschwinden und die Nacht trotzdem jeden Nachmittag um 17 Uhr einzieht.
Wenn die Erinnerung an Geschenkpapier und Schokolade ersetzt wird durch zerfetztes Laub, das niemand mehr sehen will, weil der Herbst längst vorbei ist, und Regenpfützen, die niemand sehen will, weil es Winter ist und eigentlich schneien soll. Aber es hat schon lange nicht mehr geschneit. Unter dem Siegel der freiwilligen Feuerwehr, der Landjugend, dem Ortsbürgerverein und was für Organisationen man sich noch ausdenken kann, die ein regelmäßiges Zusammenkommen rechtfertigen, wird dieser eine, dunkle, lang gedehnte Atemzug von Neujahr bis einschließlich Pfingsten allerorts ohne Scham schön getrunken. Das Bild von bollerwagenziehenden, biertrinkenden Menschengruppen, die in eisiger Kälte fünf bis zehn Kilometer zum Gasthof der Wahl pilgern, wird nicht hinterfragt.
Oh, guck mal. Kohltouren fangen wieder an.”

Man sollte denken, auf einem Dorf, da kann man sein, wie man will. Und doch hangelt man sich auf einer Skala von so kannst du doch nicht rausgehen und wieso, wer sieht mich denn? täglich an den gesellschaftlichen Hotspots Edeka, Lidl und Aldi im Nachbardorf entlang und begeht damit ein nicht geringes Risiko, zwischen den Essiggurken und dem Gut-und-Günstig-Mais die Schwägerin der Cousine der Mutter deiner Grundschulfreundin zu treffen. Man unterhält sich der Höflichkeit halber eine Viertelstunde über Lapalien, blockiert mit den Einkaufswägen den Gang, geht unter gegenseitigen Grüßwünschen getrennte Wege und vergisst sich, bis man sich elf Monate später im Wartezimmer des Hausarztes wiedersieht und das Ganze von vorne beginnt.
In meinem Dorf wohnen viele Bauernfamilien, dessen minderjährige Söhne am Wochenende 28.000 kg schwere Landwirtschaftsfahrzeuge durch die ohnehin schon mangelhaft gepflasterten Nebenstraßen kutschieren. Man kennt sich, man nickt sich zu, sagt moin. In meinem Dorf wohnen viele ältere Menschen, die schon da waren, bevor es eine feste Straße gab, geschweige denn Autos, um darauf zu fahren.
Das Haus meiner Großeltern wurde 1948 gebaut. Ein wunderschönes Haus mit romantischen kleinen Ecken, in denen süße Orchideen aus dem Fenster schauen - mit Winkeln und Schrägen und einem Keller, in dem selbstgemachtes Apfelmuß und Marmelade lagert – und überall, wo Platz ist, hängen von Oma genähte bunte Wandbehänge, die an Frühling erinnern und an Ewigkeit.
Jedes Zimmer hat seine eigene Geschichte, und der Holzboden knarzt und wackelt, wenn man das Obergeschoss betritt. Das Haus ist alt. Aber es könnte perfekter nicht sein.
Die Mutter meiner Oma, meine Uroma Anna, nach der ich benannt wurde, hatte drei Töchter und einen im Krieg gefallenen Ehemann. Die Dorfgemeinde baute ihr das Haus – jemand kannte einen Maurer, der brachte Steine, der traf jemanden, der einen Dachdecker kannte, der kam und legte die Ziegel; jeder half, wo er konnte. In einem Teil des Hauses wurden damals noch Schweine und Hühner gehalten. Später war dort die Postzentrale der Gemeinde. Heute hat in dem Zimmer mein Opa sein Büro, in dem er Dokumente archiviert. Fotografien vom Dorf, bevor es unser Dorf war – nur vereinzelte Bauernhöfe und Ackerland. Für ihn ist das Hobby-Wissenschaft. Für Oma zeigen die Fotos Familie. Für Mama Jugend. Und für mich sind sie ein Tor in eine andere Welt. Ich sehe meine Mutter als junges Mädchen im Garten spielen. Kein einziges Auto in Sicht. Keine Straßenschilder. Keine Nachbarshäuser. Nur Feld und blauer Himmel. Links und rechts Blumenbüsche in den prächtigsten Farben. Umzäunte Beete hinter dem Teich. Da steht heute das Haus meiner Eltern. Mein Dorf ist nicht vor zwanzig Jahren aus dem Boden geschossen. Es war schon immer da. Es ist alt. Es knarzt und wackelt. Wie die Bäume an jedem Straßenrand. Aber alles hier bedeutet etwas. Hat eine Geschichte. Verbindet alles, irgendwie. Und darum könnte es perfekter nicht sein.

Dann gibt es die Siedlungen der Wieder-Auf’s-Land-Ziehenden – rot oder grau geklinkerte saubere Neubauten mit riesigen Badezimmern, Fußbodenheizung und hölzernem Carport – bewohnt von Familien mit zwei Kindern mit neumodischen, exotischen Namen. Die Mütter gehen zu Bastelabenden der Frauengruppe oder besuchen Tupperpartys, während ihre Männer die Samstage nutzen, um den inoffiziellen Wettkampf mit dem Titel “Wer hat die lauteste Gartenmaschine?” auszutragen oder ihre Labradore durch die Siedlung zu schieben, vorbei an Nachbarn, die man entweder zum Frühschoppen einlädt oder über die man sich empört. Sonntags um Zehn klingen die Glocken einer Kapelle, die seit zehn Jahren von denselben fünf Frauen besucht wird, eine davon ist die Pastorin, und dann ist es still, denn an Sonntagen ist man leise. Nichts davon ist schlecht oder schlimm – für mich ist es genauso Idylle wie alles andere. Es ist in sich stimmig. Wenn mein Dorf eine Sonate wäre, dann wäre sie in Dur geschrieben.


Vor meinen Reisen war ich der Meinung, mein Dorf sei öde. Spießig, traditionell, unflexibel.
Ich sah nur die nur stündlich fahrende, zwanzig minütige Busverbindung in den Ort, von dem dann eine weitere stündlich fahrende, zwanzig minütige Busverbindung in die Stadt führt, in der es dann auch Kinos gibt oder H&M oder vegane Restaurants. Ich sah nur, wie fern der Rest der Welt doch war. Und wie anders. Und wie interessant.
Und dann war ich da, wo es anders war und interessant. Australien rauf und runter und mitten durch, Fiji, Singapur und später querfeldein durch Europa, angefangen in Paris, über die Pyrenäen, Lagos, Nizza, Rom und zurück durch Kroatien, Bosnien, Ungarn.
Und als ich aus der lauten, bunten und schnellen Welt zurück nach Hause kam, zurück in mein Dorf, da sah ich Menschen, dieselben Menschen, die ich immer sehe in meinem Dorf, aber plötzlich sah ich, wie sie einfach sind, und dazu auch noch zufrieden damit; denen reicht, was sie haben oder die keine Gedanken verschwenden an das, was ihnen fehlt. Menschen, die nordic-walken, die mit dem Rollator oder dem E-Bike die Dorfstraße entlang düsen und dabei einfach an nichts denken. Die Leute ziehen nicht weg. Sie bleiben. Sie werden alt. Und dann sterben sie. Im selben Haus, in dem sie 1942 geboren wurden. In einer Welt voller blinkender Billboards, stinkender Kraftwerke, zerstörenden Riesenkonzernen, bedrohlich fortschrittlicher Technologie, manipulativen Meinungsmachern und vielen bösen Menschen beruhigt es mich, dass ich jederzeit in meine Heimat zurückkehren kann, um zu sehen; das einzige, was sich hier verändert hat, ist der Schnitt der Rhododendronhecke von Frau Rödecker.
Ich bin stolz, zu diesem Dorf zu gehören. Und obwohl zuhause heute für mich an so vieles gebunden ist – an die verschiedensten Orte, Geräusche, Geschmäcker, Gefühle oder Personen... Heimat ist immer mein Dorf. Und das finde ich schön.

Nun habe ich das Dorf von allen Seiten präsentiert – habe geredet über die Jahreszeiten, über die Menschen, die Wochentage, die Traditionen, die Natur.
Doch ich muss noch eins ergänzen.
Denn am allerschönsten finde ich in meinem Dorf die Nächte.
Eine Sommernacht legt sich beschützend und warm um die Häuser und lässt die Mücken um halb zehn abends noch zum Zirpen der Grillen tanzen, obwohl der letzte Sonnenstrahl schon hinter dem Horizont verschwunden ist. Frösche grunzen aus jeglichen Gewässern. Wenn man um 23 Uhr noch einmal die Blumenbeete mit dem Gartenschlauch abspritzen will, ist die Hauswand noch warm vom Sonnenschein. Sommernächte sind keine Nächte in meinem Dorf, nur dunkle Tage, die Lust machen auf Leben.
Im Winter ist die Nacht heimlich, bitter und still - und denkt man nur einmal, man sei einsam und kalt, da schaut man zum Himmel und die Nacht in meinem Dorf zeigt einem die klarsten Sternenhimmel. Die Nächte in meinem Dorf schauten zu bei der Nachtwanderung an meinem sechsten Geburtstag, den Mädelsabenden am Lagerfeuer, den tränenreichen Gesprächen auf der einen Bank mit meinem Vater über meine Schulnoten, den Spaziergängen mit meinem traurigen Kopf. Sie waren zu Gast bei all dem Hauspartys, die ich beherbergte - unsere laute Musik kümmerte sie nicht, unser Gröhlen, Jubeln, Feiern, sie lud uns ein, wach zu bleiben, und ließ uns frei sein, wild sein. 
Die Nacht in meinem Dorf schaute zu, als ich mich verliebte, und schenkte uns elf Sternschnuppen am selben Abend. Wir tanzten auf der nackten Landstraße um 1 Uhr nachts, und es war, als hätte die Nacht sie für uns abgesperrt. Tagsüber ist mein Dorf vieles, doch nachts ist es nur eines, und zwar friedlich, und ganz egal, was mit dem Rest der Welt passiert, dieser Frieden wird für immer in diesen schlecht gepflasterten Straßen wohnen.




Mittwoch, 12. Februar 2020

Treffen sich zwei Leben...


Montag habe ich gekündigt.
Danach habe ich geweint.
Es war ein Weinen für all das Unkraut.
Ein Weinen für all den Schweiß und den Dreck und die blutigen Kratzer. 
Ein Weinen für die kaputte Schaufel, die bei jeder zu schwungvollen Bewegung aus der Halterung fiel - für die Spinnen, die mir einen Schreck einjagten, für all die heimlich geretteten Schnecken, und die ausversehen Zertretenen, für die auch – es war ein Weinen für die Regenwolken, die nicht regneten und die Sonne, die mich verbrannte.
Ein Weinen für den ekeligen Kaffee, für den italienischen Mann und zuletzt, ein Weinen für mich, wie ich mich durch die Beete gekämpft habe und gleichzeitig auch irgendwie durch meinen Kopf.

Ich habe noch nicht wirklich drüber nachgedacht, was mir dieser Job gebracht hat, abgesehen von ein bisschen Taschengeld.
Wodurch er definiert war, das kann ich allerdings sofort benennen: Hartnäckigkeit.
Nun, es müssen schon viele Adjektive gefallen sein, bevor mich Menschen als hartnäckig beschreiben. 
Ich lasse Dinge gerne liegen. Beende kreative Projekte selten. Ich sage viel zu oft ab und verliere das Ziel sehr oft aus den Augen. 
Vorallem was körperliche Anstrengung angeht, bin ich kein Bis-Zum-Ende-Durchhalter - eher ein nasser Waschlappen.
Das Work-And-Travel-Visum in der Tasche, Frühling in Westaustralien und ich suchte nach Arbeit. 
Sträubte mich allerdings mehr davor, für Fast-Food-Ketten hunderte Schenkel von Hühnerleichen zu brechen. 
Wie es der Zufall will, besaß der italienische Vermieter meiner Gastfamilie ein wenig Land. Auf diesem Land standen Bäume; Avocadobäume, Feigenbäume, aber überwiegend Zitronenbäume. Und dieser Mann ging auf die Neunzig zu. Er suchte Hilfe. 
Kurzerhand besuchte ich ihn, nichtsahnend, was ich in den folgenden Wochen lernen würde. 
Aber beginnen wir bei den Fliegen. 

Die Fliegen hörten nicht auf, sich auf mein Gesicht zu setzen; sie landeten auf meiner Stirn, meiner Lippe, meiner Brille, sie krabbelten in meine Ohren und Nase, krochen meinen Nacken entlang, meine Arme herunter, sie blieben sitzen, wenn ich mich schüttelte, ich musste nach ihnen schlagen, sie surrten um mich als sei ich ein Pferd oder eine Kuh, wahrscheinlich roch ich wie eine, und einzig und allein die Fliegen trieben mich bereits nach einigen Tagen in den Wahnsinn. 
Doch die Fliegen waren nicht die Einzigen, die nicht aufhörten. 
Die Sonne hörte nicht auf, zu scheinen, egal, wie schwindelig mir wurde, wenn ich mich aufrichtete. 
Mein Rücken hörte nicht auf, zu schmerzen, egal, wie oft ich darüber fluchen würde. 
Zustände ertragen - mein Vater wollte es mir beibringen, seit ich ein Kind war - und es brauchte nur einen italienischen Opa in Westaustralien und ein Grundstück voller Unkraut. 
Ich habe ihn nicht gehasst, den Job, und auch nicht das Unkraut, und schon gar nicht den Opa. 
Aber zum ersten Mal in meinem privilegierten, deutschen, kleinen Leben musste ich etwas tun, was mir nicht nur nicht passte, sondern was die äußersten Grenzen meines Willens und meiner Geduld provozierte.

Der italienische Opa, Tom ist sein Name, hat mir mehr gezeigt als nur die Technik, Zitronen zu pflücken.
Ich fand es merkwürdig, mit welch einer Ausdrücklichkeit er mir verdeutlichte, die Zitronen leicht zu drehen, sie schwungvoll abzureißen, und wer hätte gedacht, dass Zitronen nicht nur gelb sind - manche sind dunkelgelb, manche tragen einen grünen Schimmer - manche sind saftig gelb, andere giftig gelb - und einige sind von einem weißen Pelz umzogen. Not those. Italienischer Tom schüttelte den Zeigefinger, halb lachend, halb unschlüssig, wie viel das deutsche Mädchen über Natur Bescheid weiß.

Nach ein paar Stunden unter offenem Himmel lud er mich zu einer Pause ein. 
Wir saßen bei brühend heißem, bitterem Instant-Kaffee in seiner dunklen Küche, die die Temperatur der Kühlfachabteilung eines Supermarktes hatte. 
Ins Haus kommt er und alle seine Gäste durch die Seitentür in der Garage. Die Haustür war in einem Flur, zugestellt mit Möbeln und Vorhängen wie eine Erinnerung, die man vergessen möchte. 
Vor der Küche stand ein Esstisch, an dem eine Großfamilie essen könnte. Doch auf dem Tisch lagen Plastiktüten gefüllt mit Früchten, Pappkartons und Zeitungen, und die Stühle standen in Reih und Glied, unberührt wie in einer Kaufhausausstellung.
Neben dem Tisch stand eine Kommode, auf die durch die zugezogenen Vorhänge kaum jemals Licht fiel. Einmal ging ich zum Badezimmer und blieb vor ihr stehen. 
Sie war vollgestellt von Familienfotos in hochwertigen Bilderrahmen. Manche Fotos waren grau, einige Sepiafarben, andere bunt und nachträglich vorne in die Rahmen gesteckt. Portraits von jungen Menschen, Kindern, ernste Gesichter, aber hier und da ein Lächeln. Den italienischen Tom erkannte ich nicht wieder - die Fotos zeigten das Leben, das er führte, bevor er alt wurde. 
Aber ich erkannte dieselbe Frau auf fast allen der älteren Fotografien. 
Fast das ganze Haus war mit Orientteppichen ausgelegt, als sei es ein Geheimnis, dass der Boden gefliest war. Zwei dunkelbraune Sofa's standen sich gegenüber, bedeckt mit Hausschuhen, Jacken und vielen Decken. 
Die Arbeitsplatte der Küche ragte im dunklen Zimmer als Theke in den Raum, und mir war, als würde sie sich dafür schämen. Und angrenzend daran stand der kleine, viereckige Campingtisch, an dem wir saßen, und er war immer gedeckt mit allem, was der italienische Tom wohl zu sich nimmt - Tomaten, Oliven, Brot, Wurst und Whiskey. 

Ein alter Mann, 86 Jahre lebt er schon auf dieser Welt, davon 56 in Australien, das erzählte er mir jedes Mal wie eine kaputte Schallplatte, trotz der 56 Jahre in gebrochenem Englisch mit starkem italienischen Akzent, und dann folgten die Geschichten seiner Kinder, Enkel, Neffen, Tanten und Onkel. Seine Schwester hat so und so viele Töchter, eine davon heiratete einen Polizisten, deren Töchter sind sehr klever in der Schule, seine Neffin starb in einem Autounfall, horrible one, crazy driver, seine Tochter arbeitet in dem Supermarkt, den er mit Zitronen beliefert, und sein kleiner Bruder biss in einen Blindgänger, damals noch in Italien, als kleiner Junge beim Spielen, die Eltern hörten den Knall aus dem obersten Stockwerk des Hauses, unter ihnen ihr zerfetzter Sohn, und ich schaute zum Kühlschrank, dessen Tür verziert war mit einem Mosaik aus kunterbunten Kinderzeichnungen, Strichmännchen-Familienportraits, darüber in kritzeliger Schrift “God is good”, und italienischer Tom schenkte sich einen Schuss goldenen Rum in den Kaffee, und ich pulte mir unter’m Tisch die Erde aus den Fingernägeln, es war ein Gespräch, zu dem man nur nicken und sich aus Verlegenheit leise am ekeligen Instant-Kaffee verbrennen konnte, wenn man noch jung war und noch niemanden verloren hatte.

Jede Woche ging ich zu ihm, half ihm im Garten, rupfte in seinen durchlöcherten Gartenhandschuhen so viel Unkraut, dass meine Finger wund und zerstochen waren.
Aber meine Tätigkeiten waren zahlreich. Eine meiner ersten Aufgaben war Holz hacken, allerdings hatte ich noch nie in meinem Leben mit einer Axt gearbeitet geschweige denn eine gehalten, sodass aus Holz hacken schnell lediglich Holz stapeln wurde. Ich habe außerdem seine Hühner gefüttert und die Beete umgegraben, Kakteen beschnitten, Bohnen gepflanzt und furchtbar stinkenden Dünger verteilt - eine Tagesaufgabe, die wohl die meiste Kraft von meinem Körper abverlangte.

Die Avocado-Bäume, die Zitronenbäume, er hat sie gepflanzt damals als junger Mann, mit seinem Vater und seiner Missus, wie er sie liebevoll nannte, die junge Frau auf den Fotografien, und er erzählte mir, wie sie Hoffnung hatten in ein besseres Leben, sie wollten den Tod in Europa lassen, und heute, vierzig Jahre später, darf ich die Früchte pflücken, einfach nur ein Mädchen aus Norddeutschland, das aus Zufall damals diese eine Schule in Perth ausgesucht hat und durch Zufall in diese Gastfamilie gesteckt wurde, die Jahre später durch Zufall das Mietshaus des italienischen Tom bezog, in dem ich mit meinem Freund jetzt auch für drei Monate leben darf.
Ich begegne dem Universum mit Ehrfurcht, wenn mir solche Zufalls-Stränge bewusst werden. 
Und mit Dankbarkeit, das auch, denn so zufällig und wild zusammengewürfelt das alles auch klingen mag, genauso sehr passt es auch zusammen. 
Und das ist eine Tatsache, die ich immer noch lerne, zu verstehen. 

Ich habe ihn nie gefragt, warum er eigentlich nach Perth kam, oder warum mittlerweile wirklich seine ganze Familie hier ist. Er erzählte von seiner Zeit auf den umliegenden Farmen wie meine Großeltern von der Nachkriegszeit – es gab nicht viel, man musste auskommen, es war anstrengend, aber man hat es doch irgendwie geschafft. Und ich habe nur zugehört und genickt und seine alten Butterkekse in den bitteren Kaffee getunkt. Habe nicht gewusst, gescheid zu antworten. Wer bin ich denn schon. 
Italienischer Tom war ein sich selbst lesendes Buch über eine Zeit, von der ich keine Ahnung hatte. Über die ich kein Recht habe, zu spekulieren. Ich, mit meinem iPhone, meiner gesetzlichen Krankenversicherung und meinem Privileg, vor der Bildung, die allein schon Privileg ist, auch noch zu reisen. 
Er erzählte seine Geschichten nicht in einer besonders spannungsreichen Art und Weise - er redete simpel und einfach, kam schnell zum Punkt. 
Und genau so lebte er auch. 
Ich habe keine Ahnung von diesem einfachen Leben, das er führte. Ich glaube, es ist heutzutage zu leicht, ein schweres Leben zu haben, und es ist wahrlich schwer, ein einfaches Leben zu führen. 
Aber er trug seine glückliche Glatze jeden Tag unter die Sonne raus ins Feld und beschwerte sich nicht. War stolz auf seine Bäume, seine Hühner und jedes einzelne seiner Enkel. Er redete viel über die Politik, über seine Reisen, über das Leben in Australien, über die Supermärkte, über seinen tollen Rasenmäher, und er liebte es, zu reden. Aber am meisten, glaube ich, liebte er seine Missus, von der er niemals redete. 

Manchmal benahm ich mich unbeholfen. Manchmal erläuterte er meine täglichen Aufgaben nicht präzise genug für eine deutsche Abiturientin, die “pick that one” misinterpretierte und versehentlicherweise nicht das Unkraut, sondern die Zitronen pflückte. Und so oft wie ich am falschen Baum gepflückt habe, bin ich überrascht, dass er mich nicht kündigte. 
Aber jedes Mal nach meiner Schicht gab er mir Weißbrot, oder Tomaten, oder Oliven, oder Passionfruit, oder Birnen, und jedes Mal lief ich nach Hause, zwar mit schmerzenden Muskeln und dreckigen Armen, aber einem Lächeln auf den Lippen, bis auf Montag, denn Montag musste ich kündigen, denn unsere Reise geht weiter, und dann habe ich geweint, während ich weiterzupfte, und es war, als wollte das Gras, das ich in dem Moment griff, nicht loslassen, es verharrte besonders widerspenstig, schlug fünfmal so viele Wurzeln und mochte nicht gehen, und ich zog kräftiger, und weinte lauter, und schrie das Unkraut an, JUST GIVE UP. Und dann etwas leiser, i'm tired. 
Ich sah mich um, warf einen letzten Blick auf die Zitronenbäume und die sauberen Beete, bevor ich meine Tasche nahm, in die mir italienische Tom ein paar Mangos und Brote gepackt hatte, und ich war froh, dass ich meinen schmerzenden Rücken gleich ausruhen konnte, und ich fragte mich, was jetzt wohl mit dem Unkraut passiert, das ich bisher nicht gepflückt habe.

Montag, 13. Januar 2020

Der Spaziergang

Vor ein paar Monaten bin ich früh aufgewacht. 
Es muss so 6 Uhr gewesen sein, der Morgen nach einer Party. 
Mein Magen war flau, mein Kopf brummte. 
Trotz erst grob drei Stunden Schlaf war ich sofort hellwach.
Wir waren zu Besuch in der Heimat und ich hatte nichts zutun. 
Also stand ich auf, striff mir Jogginghose, Pulli und Jacke über und verließ das Haus.
Das Dorf schlief noch - Rolläden waren noch heruntergelassen, die Lichter aus, die Dämmerung brach gerade erst ein. Kein Auto auf den Straßen. Ein frischer Oktobermorgen in absoluter Stille. 
Nur ein paar Gänse oder Enten flogen über mich hinweg, Richtung Spanien oder Portugal waren sie unterwegs. Ich dachte an die Mohn- und Sonnenblumenfelder, an Storchennester und Sonnenuntergänge und wünschte den Gänsen schweigend eine gute Reise, während sie sich entfernten, zu kleinen Punkten am Horizont wurden und schließlich nicht mehr zu sehen waren.
Ich ging einen Landweg hinunter. 
Die Hände in den Jackentaschen vergraben, das Gesicht bis zur Nase im Schal versteckt, ich lief einfach. Mir war nicht kalt, obwohl ein eisiger Wind über die Felder fegte. Er kitzelte meine Nasenspitze, aber mein eigener Atem wärmte mich.
Und wie ich lief, so verlor ich die Übelkeit. Die Kopfschmerzen verschwanden ebenfalls. Ich schaute nicht auf mein Handy, war nicht in Eile, hatte nirgends zu sein, niemand erwartete mich.  
Ich musste bloß gehen.
Ich lief an einem Bauernhof vorbei, hörte, wie die Kühe sich leise unterhielten, der Bauer hatte gerade das Scheunentor geöffnet. 
Die kahlen Äste der Bäume stachen in den weißen Himmel.
Hier und da stieß ich ein paar Steine vor mir her, rieb meine Schuhe am feuchten Gras. Meine Socken wurden nass, das war egal. Ein Fuß vor den nächsten, ich lief einfach, an weiten Feldern vorbei, auf denen niemand grast. Vorbei an gefrorenen Ackern, auf denen noch lange nichts angebaut wird. 
Die Landluft füllte meine Lungen, tief atmete ich ein, und wieder aus. Es war der Geruch von verblühten Sträuchern, nassem Laub und ein bisschen Erde. 
Allmählich kam ich zurück in die Siedlungen. Mittlerweile wurden Gardinen beiseitegeschoben, Rolläden hochgezogen, die Küchenlichter brannten. Ich stellte mir vor, wie Frühstückseier gekocht würden, Kaffeebohnen gemahlen, Kerzen angezündet, Hunde vor die Tür gelassen. 
Irgendwann stand ich wieder vor meiner Haustür. 
Ich bemerkte, dass ich zweieinhalb Stunden gelaufen bin.


Heute ist der 13. Januar. Ein Montag. Ich bin zurück in meiner Stadtwohnung. 
Und wie fast jeden Tag sehne ich mich zurück an den Oktobermorgen. 
Möchte einfach gehen und nirgends sein müssen, von niemandem erwartet werden. Meinen Kopf einfach nur auf meinen Schultern tragen.
Möchte das Schweigen des Morgens auf dem Land durch meine Kopfhörer in der Bahn hören. 
Möchte den Spaziergang greifen und an mein Herz nähen, die Knoten ganz fest ziehen.
Aber dieser Oktobermorgen ist weit entfernt, so weit entfernt, ich strecke beide Arme aus, ich kann ihn nicht berühren, er wird immer kleiner, wie ein Punkt am Himmel, wie die Gänse, die jetzt in Spanien über Sonnenblumenfelder gleiten, oder in Portugal, und ich wünschte, sie hätten mich auf ihren Flügeln sitzen lassen und mitgetragen, denn Gänse haben keine Klausurentermine, keine Abgabefristen, keine Mindestseitenanzahlen, Gänse müssen kein Geld für Miete, Strom und Gas auftreiben, sie tragen einfach ihren Kopf auf ihren Schultern. Und dann fliegen sie einfach. 
Einfach. 
Ich sehne mich so sehr nach dieser Einfachkeit, was auch immer das bedeutet. 
Meine Tage sind gefüllt, randvoll quellen sie über, immer gibt es Vorlesungen, die nachgearbeitet werden müssen und Themen, die ich nicht verstehe. 
Nie bin ich fertig. 
Ich bin auf Draht, wache auf und mir ist übel, doch fehlt die Party am Vortag. 
Getrieben durch Nervösität lese ich mich durch Zusammenfassungen, wühle meine Finger durch die Regale der Bibiothek, beriesele mich mit suboptimalen Hörbüchern über Philosophiegeschichte. 
Aber wie ein Sieb rieselt alles durch mich durch, nichts bleibt hängen. 
Nie bin ich fleißig genug, klever genug, diszipliniert genug, könnte immer besser sein. 
Könnte immer woanders sein, etwas anderes tun. 
Der Winter zieht sich wie eine dunkle Kralle über mein Semester, und mir ist kalt.
Mir ist einfach nur kalt.