Mittwoch, 12. Februar 2020

Treffen sich zwei Leben...


Montag habe ich gekündigt.
Danach habe ich geweint.
Es war ein Weinen für all das Unkraut.
Ein Weinen für all den Schweiß und den Dreck und die blutigen Kratzer. 
Ein Weinen für die kaputte Schaufel, die bei jeder zu schwungvollen Bewegung aus der Halterung fiel - für die Spinnen, die mir einen Schreck einjagten, für all die heimlich geretteten Schnecken, und die ausversehen Zertretenen, für die auch – es war ein Weinen für die Regenwolken, die nicht regneten und die Sonne, die mich verbrannte.
Ein Weinen für den ekeligen Kaffee, für den italienischen Mann und zuletzt, ein Weinen für mich, wie ich mich durch die Beete gekämpft habe und gleichzeitig auch irgendwie durch meinen Kopf.

Ich habe noch nicht wirklich drüber nachgedacht, was mir dieser Job gebracht hat, abgesehen von ein bisschen Taschengeld.
Wodurch er definiert war, das kann ich allerdings sofort benennen: Hartnäckigkeit.
Nun, es müssen schon viele Adjektive gefallen sein, bevor mich Menschen als hartnäckig beschreiben. 
Ich lasse Dinge gerne liegen. Beende kreative Projekte selten. Ich sage viel zu oft ab und verliere das Ziel sehr oft aus den Augen. 
Vorallem was körperliche Anstrengung angeht, bin ich kein Bis-Zum-Ende-Durchhalter - eher ein nasser Waschlappen.
Das Work-And-Travel-Visum in der Tasche, Frühling in Westaustralien und ich suchte nach Arbeit. 
Sträubte mich allerdings mehr davor, für Fast-Food-Ketten hunderte Schenkel von Hühnerleichen zu brechen. 
Wie es der Zufall will, besaß der italienische Vermieter meiner Gastfamilie ein wenig Land. Auf diesem Land standen Bäume; Avocadobäume, Feigenbäume, aber überwiegend Zitronenbäume. Und dieser Mann ging auf die Neunzig zu. Er suchte Hilfe. 
Kurzerhand besuchte ich ihn, nichtsahnend, was ich in den folgenden Wochen lernen würde. 
Aber beginnen wir bei den Fliegen. 

Die Fliegen hörten nicht auf, sich auf mein Gesicht zu setzen; sie landeten auf meiner Stirn, meiner Lippe, meiner Brille, sie krabbelten in meine Ohren und Nase, krochen meinen Nacken entlang, meine Arme herunter, sie blieben sitzen, wenn ich mich schüttelte, ich musste nach ihnen schlagen, sie surrten um mich als sei ich ein Pferd oder eine Kuh, wahrscheinlich roch ich wie eine, und einzig und allein die Fliegen trieben mich bereits nach einigen Tagen in den Wahnsinn. 
Doch die Fliegen waren nicht die Einzigen, die nicht aufhörten. 
Die Sonne hörte nicht auf, zu scheinen, egal, wie schwindelig mir wurde, wenn ich mich aufrichtete. 
Mein Rücken hörte nicht auf, zu schmerzen, egal, wie oft ich darüber fluchen würde. 
Zustände ertragen - mein Vater wollte es mir beibringen, seit ich ein Kind war - und es brauchte nur einen italienischen Opa in Westaustralien und ein Grundstück voller Unkraut. 
Ich habe ihn nicht gehasst, den Job, und auch nicht das Unkraut, und schon gar nicht den Opa. 
Aber zum ersten Mal in meinem privilegierten, deutschen, kleinen Leben musste ich etwas tun, was mir nicht nur nicht passte, sondern was die äußersten Grenzen meines Willens und meiner Geduld provozierte.

Der italienische Opa, Tom ist sein Name, hat mir mehr gezeigt als nur die Technik, Zitronen zu pflücken.
Ich fand es merkwürdig, mit welch einer Ausdrücklichkeit er mir verdeutlichte, die Zitronen leicht zu drehen, sie schwungvoll abzureißen, und wer hätte gedacht, dass Zitronen nicht nur gelb sind - manche sind dunkelgelb, manche tragen einen grünen Schimmer - manche sind saftig gelb, andere giftig gelb - und einige sind von einem weißen Pelz umzogen. Not those. Italienischer Tom schüttelte den Zeigefinger, halb lachend, halb unschlüssig, wie viel das deutsche Mädchen über Natur Bescheid weiß.

Nach ein paar Stunden unter offenem Himmel lud er mich zu einer Pause ein. 
Wir saßen bei brühend heißem, bitterem Instant-Kaffee in seiner dunklen Küche, die die Temperatur der Kühlfachabteilung eines Supermarktes hatte. 
Ins Haus kommt er und alle seine Gäste durch die Seitentür in der Garage. Die Haustür war in einem Flur, zugestellt mit Möbeln und Vorhängen wie eine Erinnerung, die man vergessen möchte. 
Vor der Küche stand ein Esstisch, an dem eine Großfamilie essen könnte. Doch auf dem Tisch lagen Plastiktüten gefüllt mit Früchten, Pappkartons und Zeitungen, und die Stühle standen in Reih und Glied, unberührt wie in einer Kaufhausausstellung.
Neben dem Tisch stand eine Kommode, auf die durch die zugezogenen Vorhänge kaum jemals Licht fiel. Einmal ging ich zum Badezimmer und blieb vor ihr stehen. 
Sie war vollgestellt von Familienfotos in hochwertigen Bilderrahmen. Manche Fotos waren grau, einige Sepiafarben, andere bunt und nachträglich vorne in die Rahmen gesteckt. Portraits von jungen Menschen, Kindern, ernste Gesichter, aber hier und da ein Lächeln. Den italienischen Tom erkannte ich nicht wieder - die Fotos zeigten das Leben, das er führte, bevor er alt wurde. 
Aber ich erkannte dieselbe Frau auf fast allen der älteren Fotografien. 
Fast das ganze Haus war mit Orientteppichen ausgelegt, als sei es ein Geheimnis, dass der Boden gefliest war. Zwei dunkelbraune Sofa's standen sich gegenüber, bedeckt mit Hausschuhen, Jacken und vielen Decken. 
Die Arbeitsplatte der Küche ragte im dunklen Zimmer als Theke in den Raum, und mir war, als würde sie sich dafür schämen. Und angrenzend daran stand der kleine, viereckige Campingtisch, an dem wir saßen, und er war immer gedeckt mit allem, was der italienische Tom wohl zu sich nimmt - Tomaten, Oliven, Brot, Wurst und Whiskey. 

Ein alter Mann, 86 Jahre lebt er schon auf dieser Welt, davon 56 in Australien, das erzählte er mir jedes Mal wie eine kaputte Schallplatte, trotz der 56 Jahre in gebrochenem Englisch mit starkem italienischen Akzent, und dann folgten die Geschichten seiner Kinder, Enkel, Neffen, Tanten und Onkel. Seine Schwester hat so und so viele Töchter, eine davon heiratete einen Polizisten, deren Töchter sind sehr klever in der Schule, seine Neffin starb in einem Autounfall, horrible one, crazy driver, seine Tochter arbeitet in dem Supermarkt, den er mit Zitronen beliefert, und sein kleiner Bruder biss in einen Blindgänger, damals noch in Italien, als kleiner Junge beim Spielen, die Eltern hörten den Knall aus dem obersten Stockwerk des Hauses, unter ihnen ihr zerfetzter Sohn, und ich schaute zum Kühlschrank, dessen Tür verziert war mit einem Mosaik aus kunterbunten Kinderzeichnungen, Strichmännchen-Familienportraits, darüber in kritzeliger Schrift “God is good”, und italienischer Tom schenkte sich einen Schuss goldenen Rum in den Kaffee, und ich pulte mir unter’m Tisch die Erde aus den Fingernägeln, es war ein Gespräch, zu dem man nur nicken und sich aus Verlegenheit leise am ekeligen Instant-Kaffee verbrennen konnte, wenn man noch jung war und noch niemanden verloren hatte.

Jede Woche ging ich zu ihm, half ihm im Garten, rupfte in seinen durchlöcherten Gartenhandschuhen so viel Unkraut, dass meine Finger wund und zerstochen waren.
Aber meine Tätigkeiten waren zahlreich. Eine meiner ersten Aufgaben war Holz hacken, allerdings hatte ich noch nie in meinem Leben mit einer Axt gearbeitet geschweige denn eine gehalten, sodass aus Holz hacken schnell lediglich Holz stapeln wurde. Ich habe außerdem seine Hühner gefüttert und die Beete umgegraben, Kakteen beschnitten, Bohnen gepflanzt und furchtbar stinkenden Dünger verteilt - eine Tagesaufgabe, die wohl die meiste Kraft von meinem Körper abverlangte.

Die Avocado-Bäume, die Zitronenbäume, er hat sie gepflanzt damals als junger Mann, mit seinem Vater und seiner Missus, wie er sie liebevoll nannte, die junge Frau auf den Fotografien, und er erzählte mir, wie sie Hoffnung hatten in ein besseres Leben, sie wollten den Tod in Europa lassen, und heute, vierzig Jahre später, darf ich die Früchte pflücken, einfach nur ein Mädchen aus Norddeutschland, das aus Zufall damals diese eine Schule in Perth ausgesucht hat und durch Zufall in diese Gastfamilie gesteckt wurde, die Jahre später durch Zufall das Mietshaus des italienischen Tom bezog, in dem ich mit meinem Freund jetzt auch für drei Monate leben darf.
Ich begegne dem Universum mit Ehrfurcht, wenn mir solche Zufalls-Stränge bewusst werden. 
Und mit Dankbarkeit, das auch, denn so zufällig und wild zusammengewürfelt das alles auch klingen mag, genauso sehr passt es auch zusammen. 
Und das ist eine Tatsache, die ich immer noch lerne, zu verstehen. 

Ich habe ihn nie gefragt, warum er eigentlich nach Perth kam, oder warum mittlerweile wirklich seine ganze Familie hier ist. Er erzählte von seiner Zeit auf den umliegenden Farmen wie meine Großeltern von der Nachkriegszeit – es gab nicht viel, man musste auskommen, es war anstrengend, aber man hat es doch irgendwie geschafft. Und ich habe nur zugehört und genickt und seine alten Butterkekse in den bitteren Kaffee getunkt. Habe nicht gewusst, gescheid zu antworten. Wer bin ich denn schon. 
Italienischer Tom war ein sich selbst lesendes Buch über eine Zeit, von der ich keine Ahnung hatte. Über die ich kein Recht habe, zu spekulieren. Ich, mit meinem iPhone, meiner gesetzlichen Krankenversicherung und meinem Privileg, vor der Bildung, die allein schon Privileg ist, auch noch zu reisen. 
Er erzählte seine Geschichten nicht in einer besonders spannungsreichen Art und Weise - er redete simpel und einfach, kam schnell zum Punkt. 
Und genau so lebte er auch. 
Ich habe keine Ahnung von diesem einfachen Leben, das er führte. Ich glaube, es ist heutzutage zu leicht, ein schweres Leben zu haben, und es ist wahrlich schwer, ein einfaches Leben zu führen. 
Aber er trug seine glückliche Glatze jeden Tag unter die Sonne raus ins Feld und beschwerte sich nicht. War stolz auf seine Bäume, seine Hühner und jedes einzelne seiner Enkel. Er redete viel über die Politik, über seine Reisen, über das Leben in Australien, über die Supermärkte, über seinen tollen Rasenmäher, und er liebte es, zu reden. Aber am meisten, glaube ich, liebte er seine Missus, von der er niemals redete. 

Manchmal benahm ich mich unbeholfen. Manchmal erläuterte er meine täglichen Aufgaben nicht präzise genug für eine deutsche Abiturientin, die “pick that one” misinterpretierte und versehentlicherweise nicht das Unkraut, sondern die Zitronen pflückte. Und so oft wie ich am falschen Baum gepflückt habe, bin ich überrascht, dass er mich nicht kündigte. 
Aber jedes Mal nach meiner Schicht gab er mir Weißbrot, oder Tomaten, oder Oliven, oder Passionfruit, oder Birnen, und jedes Mal lief ich nach Hause, zwar mit schmerzenden Muskeln und dreckigen Armen, aber einem Lächeln auf den Lippen, bis auf Montag, denn Montag musste ich kündigen, denn unsere Reise geht weiter, und dann habe ich geweint, während ich weiterzupfte, und es war, als wollte das Gras, das ich in dem Moment griff, nicht loslassen, es verharrte besonders widerspenstig, schlug fünfmal so viele Wurzeln und mochte nicht gehen, und ich zog kräftiger, und weinte lauter, und schrie das Unkraut an, JUST GIVE UP. Und dann etwas leiser, i'm tired. 
Ich sah mich um, warf einen letzten Blick auf die Zitronenbäume und die sauberen Beete, bevor ich meine Tasche nahm, in die mir italienische Tom ein paar Mangos und Brote gepackt hatte, und ich war froh, dass ich meinen schmerzenden Rücken gleich ausruhen konnte, und ich fragte mich, was jetzt wohl mit dem Unkraut passiert, das ich bisher nicht gepflückt habe.