Mittwoch, 11. März 2020

Heimat?

Home is where your heart is.
Das Zitat stand in rot ausgemalten Großbuchstaben auf dem Abschiedsbuch, das ich im Herbst 2014 in meinem Freundeskreis herumreichte. Drumherum Fotos vom Sydney Opera House, den Twelve Apostels, der Skyline von Brisbane. Die Vorstellungen über mein anstehendes Auslandsjahr zirkulierten um all diese großen Touristenmagneten, von denen ich letztendlich kaum etwas tatsächlich gesehen habe.
Der Flug am 22. Januar 2015 war nicht nur der erste Flug meines damals erst fünfzehn Jahre langen Lebens, sondern auch der Start in eine lange Entdeckungsreise rund um die Welt und auch um mich selbst.
Ich dachte, Australien würde mein zweites Zuhause werden. Und in gewisser Weise war dem auch so. Aber im Sturm der Selbstfindung, der zu dieser Zeit um mich wirbelte, dachte ich vorallem zum ersten Mal in meinem Leben über mein erstes Zuhause nach – das Zuhause, aus dem ich gekommen war, und das nun fehlte.
Und reagierte überrascht, als irgendwann das Geräusch des Rasenmähers meines Gastvaters urplötzlich einen tiefen, innigen Sinn für Heimat in mir auslöste. Oder der Geruch von Gewitterregen. Oder Mineralwasser. Aber was ist eigentlich Heimat? Warum ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, mein Zuhause?
Wo komme ich her? Und was bedeutet das für mich?
Und so saß ich am Strand der Zwei-Millionen-Metropole Perth und begann, nachzudenken.

Mein Dorf hat um die 440 Einwohner. Ich sage immer, mit drei Vierteln davon bin ich verwandt. Manchmal lache ich dabei, aber eigentlich ist es wahr. Wir haben keine Supermärkte, Ärzte, Friseure oder Drogerien. Aber wir haben einen Kanal, einen kleinen Campingplatz, einen Gasthof, eine Maschinenbaufirma, eine kleine Grundschule und einen Kindergarten. Letztere besuchte ich beide. Es gibt eine Hauptstraße. Die Kühe stehen noch auf großen Weiden.
Im Sommer duftet mein Dorf nach braunem Kanalwasser und Gülle. Motorradfanatiker jagen das Tempolimit der Landstraßen. Familien radeln im Entenmarsch zur Eisdiele, entlang der Deiche, die sich durch den Ort schlängeln. Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Badesee, rufen sich Sachen zu, lachen laut. Man hört Rasensprenger, Bienen, und immer irgendwo einen Rasenmäher.
Meine emotionale Bindung zu Rasenmähern ist sehr stark, und manchmal ist das komisch. Jetzt wohne ich in einer Drei-Zimmer-Stadtwohnung mitten in Magdeburg, und wenn die Wohngenossenschaft die Gärtner schickt, um den Rasen vor dem Haus zu mähen, sitze ich am Fenster und träume, wie mein Papa mir früher auf unserer Wiese einen Gang ins hüfthohe Gras mähte, in dem ich dann in meinem blauen Arielle-Kleid Seifenblasen pustete oder so etwas.

Der Herbst legt sich verwunschen und müde auf die Maisfelder meines Dorfes. Das Ernte-Dank-Fest zieht durch die Straßen und alle sind dabei. Es wird geschmückt, gewunken, gelacht und natürlich viel getrunken. Irgendwann ist der Mais geerntet und die Blumen verblüht. Die Blätter gefallen und die Sonne verschwunden. Ein Teppich aus Buchen- und Kastanienblättern in allen Farben eines Sonnenuntergangs lädt zum Basteln und Rascheln ein. Der erste Raureif bedeckt den Garten. Nebelschwaden ziehen über die Felder und verstecken die Rehe, die dort in der Früh grasen. Irgendwann muss man eher aufstehen, um die Windschutzscheibe vom Auto freizukratzen. Winter ist, morgens um sieben in der Dunkelheit bei Kerzenlicht Kaffee zu trinken. Nach Totensonntag werden die Häuser dekoriert. Es winden sich nun überall Lichterketten um die Hecken und Büsche. An Heiligabend trifft sich das Dorf in der Kapelle. Man kennt jedes Gesicht. Und es gibt ein Krippenspiel.
Aber ich denke, der Charakter meines Dorfes lässt sich am besten erfassen in der Zeit nach Neujahr und vor Ostern, die sich über den Kalender spannt wie ein klebriges, unsichtbares Spinnennetz, in dem man sich leicht verfängt, wenn man nicht aufpasst. Wenn die Weihnachtslichter heimlich und plötzlich aus den Vorgärten, von den Straßenlaternen und Fensterbänken verschwinden und die Nacht trotzdem jeden Nachmittag um 17 Uhr einzieht.
Wenn die Erinnerung an Geschenkpapier und Schokolade ersetzt wird durch zerfetztes Laub, das niemand mehr sehen will, weil der Herbst längst vorbei ist, und Regenpfützen, die niemand sehen will, weil es Winter ist und eigentlich schneien soll. Aber es hat schon lange nicht mehr geschneit. Unter dem Siegel der freiwilligen Feuerwehr, der Landjugend, dem Ortsbürgerverein und was für Organisationen man sich noch ausdenken kann, die ein regelmäßiges Zusammenkommen rechtfertigen, wird dieser eine, dunkle, lang gedehnte Atemzug von Neujahr bis einschließlich Pfingsten allerorts ohne Scham schön getrunken. Das Bild von bollerwagenziehenden, biertrinkenden Menschengruppen, die in eisiger Kälte fünf bis zehn Kilometer zum Gasthof der Wahl pilgern, wird nicht hinterfragt.
Oh, guck mal. Kohltouren fangen wieder an.”

Man sollte denken, auf einem Dorf, da kann man sein, wie man will. Und doch hangelt man sich auf einer Skala von so kannst du doch nicht rausgehen und wieso, wer sieht mich denn? täglich an den gesellschaftlichen Hotspots Edeka, Lidl und Aldi im Nachbardorf entlang und begeht damit ein nicht geringes Risiko, zwischen den Essiggurken und dem Gut-und-Günstig-Mais die Schwägerin der Cousine der Mutter deiner Grundschulfreundin zu treffen. Man unterhält sich der Höflichkeit halber eine Viertelstunde über Lapalien, blockiert mit den Einkaufswägen den Gang, geht unter gegenseitigen Grüßwünschen getrennte Wege und vergisst sich, bis man sich elf Monate später im Wartezimmer des Hausarztes wiedersieht und das Ganze von vorne beginnt.
In meinem Dorf wohnen viele Bauernfamilien, dessen minderjährige Söhne am Wochenende 28.000 kg schwere Landwirtschaftsfahrzeuge durch die ohnehin schon mangelhaft gepflasterten Nebenstraßen kutschieren. Man kennt sich, man nickt sich zu, sagt moin. In meinem Dorf wohnen viele ältere Menschen, die schon da waren, bevor es eine feste Straße gab, geschweige denn Autos, um darauf zu fahren.
Das Haus meiner Großeltern wurde 1948 gebaut. Ein wunderschönes Haus mit romantischen kleinen Ecken, in denen süße Orchideen aus dem Fenster schauen - mit Winkeln und Schrägen und einem Keller, in dem selbstgemachtes Apfelmuß und Marmelade lagert – und überall, wo Platz ist, hängen von Oma genähte bunte Wandbehänge, die an Frühling erinnern und an Ewigkeit.
Jedes Zimmer hat seine eigene Geschichte, und der Holzboden knarzt und wackelt, wenn man das Obergeschoss betritt. Das Haus ist alt. Aber es könnte perfekter nicht sein.
Die Mutter meiner Oma, meine Uroma Anna, nach der ich benannt wurde, hatte drei Töchter und einen im Krieg gefallenen Ehemann. Die Dorfgemeinde baute ihr das Haus – jemand kannte einen Maurer, der brachte Steine, der traf jemanden, der einen Dachdecker kannte, der kam und legte die Ziegel; jeder half, wo er konnte. In einem Teil des Hauses wurden damals noch Schweine und Hühner gehalten. Später war dort die Postzentrale der Gemeinde. Heute hat in dem Zimmer mein Opa sein Büro, in dem er Dokumente archiviert. Fotografien vom Dorf, bevor es unser Dorf war – nur vereinzelte Bauernhöfe und Ackerland. Für ihn ist das Hobby-Wissenschaft. Für Oma zeigen die Fotos Familie. Für Mama Jugend. Und für mich sind sie ein Tor in eine andere Welt. Ich sehe meine Mutter als junges Mädchen im Garten spielen. Kein einziges Auto in Sicht. Keine Straßenschilder. Keine Nachbarshäuser. Nur Feld und blauer Himmel. Links und rechts Blumenbüsche in den prächtigsten Farben. Umzäunte Beete hinter dem Teich. Da steht heute das Haus meiner Eltern. Mein Dorf ist nicht vor zwanzig Jahren aus dem Boden geschossen. Es war schon immer da. Es ist alt. Es knarzt und wackelt. Wie die Bäume an jedem Straßenrand. Aber alles hier bedeutet etwas. Hat eine Geschichte. Verbindet alles, irgendwie. Und darum könnte es perfekter nicht sein.

Dann gibt es die Siedlungen der Wieder-Auf’s-Land-Ziehenden – rot oder grau geklinkerte saubere Neubauten mit riesigen Badezimmern, Fußbodenheizung und hölzernem Carport – bewohnt von Familien mit zwei Kindern mit neumodischen, exotischen Namen. Die Mütter gehen zu Bastelabenden der Frauengruppe oder besuchen Tupperpartys, während ihre Männer die Samstage nutzen, um den inoffiziellen Wettkampf mit dem Titel “Wer hat die lauteste Gartenmaschine?” auszutragen oder ihre Labradore durch die Siedlung zu schieben, vorbei an Nachbarn, die man entweder zum Frühschoppen einlädt oder über die man sich empört. Sonntags um Zehn klingen die Glocken einer Kapelle, die seit zehn Jahren von denselben fünf Frauen besucht wird, eine davon ist die Pastorin, und dann ist es still, denn an Sonntagen ist man leise. Nichts davon ist schlecht oder schlimm – für mich ist es genauso Idylle wie alles andere. Es ist in sich stimmig. Wenn mein Dorf eine Sonate wäre, dann wäre sie in Dur geschrieben.


Vor meinen Reisen war ich der Meinung, mein Dorf sei öde. Spießig, traditionell, unflexibel.
Ich sah nur die nur stündlich fahrende, zwanzig minütige Busverbindung in den Ort, von dem dann eine weitere stündlich fahrende, zwanzig minütige Busverbindung in die Stadt führt, in der es dann auch Kinos gibt oder H&M oder vegane Restaurants. Ich sah nur, wie fern der Rest der Welt doch war. Und wie anders. Und wie interessant.
Und dann war ich da, wo es anders war und interessant. Australien rauf und runter und mitten durch, Fiji, Singapur und später querfeldein durch Europa, angefangen in Paris, über die Pyrenäen, Lagos, Nizza, Rom und zurück durch Kroatien, Bosnien, Ungarn.
Und als ich aus der lauten, bunten und schnellen Welt zurück nach Hause kam, zurück in mein Dorf, da sah ich Menschen, dieselben Menschen, die ich immer sehe in meinem Dorf, aber plötzlich sah ich, wie sie einfach sind, und dazu auch noch zufrieden damit; denen reicht, was sie haben oder die keine Gedanken verschwenden an das, was ihnen fehlt. Menschen, die nordic-walken, die mit dem Rollator oder dem E-Bike die Dorfstraße entlang düsen und dabei einfach an nichts denken. Die Leute ziehen nicht weg. Sie bleiben. Sie werden alt. Und dann sterben sie. Im selben Haus, in dem sie 1942 geboren wurden. In einer Welt voller blinkender Billboards, stinkender Kraftwerke, zerstörenden Riesenkonzernen, bedrohlich fortschrittlicher Technologie, manipulativen Meinungsmachern und vielen bösen Menschen beruhigt es mich, dass ich jederzeit in meine Heimat zurückkehren kann, um zu sehen; das einzige, was sich hier verändert hat, ist der Schnitt der Rhododendronhecke von Frau Rödecker.
Ich bin stolz, zu diesem Dorf zu gehören. Und obwohl zuhause heute für mich an so vieles gebunden ist – an die verschiedensten Orte, Geräusche, Geschmäcker, Gefühle oder Personen... Heimat ist immer mein Dorf. Und das finde ich schön.

Nun habe ich das Dorf von allen Seiten präsentiert – habe geredet über die Jahreszeiten, über die Menschen, die Wochentage, die Traditionen, die Natur.
Doch ich muss noch eins ergänzen.
Denn am allerschönsten finde ich in meinem Dorf die Nächte.
Eine Sommernacht legt sich beschützend und warm um die Häuser und lässt die Mücken um halb zehn abends noch zum Zirpen der Grillen tanzen, obwohl der letzte Sonnenstrahl schon hinter dem Horizont verschwunden ist. Frösche grunzen aus jeglichen Gewässern. Wenn man um 23 Uhr noch einmal die Blumenbeete mit dem Gartenschlauch abspritzen will, ist die Hauswand noch warm vom Sonnenschein. Sommernächte sind keine Nächte in meinem Dorf, nur dunkle Tage, die Lust machen auf Leben.
Im Winter ist die Nacht heimlich, bitter und still - und denkt man nur einmal, man sei einsam und kalt, da schaut man zum Himmel und die Nacht in meinem Dorf zeigt einem die klarsten Sternenhimmel. Die Nächte in meinem Dorf schauten zu bei der Nachtwanderung an meinem sechsten Geburtstag, den Mädelsabenden am Lagerfeuer, den tränenreichen Gesprächen auf der einen Bank mit meinem Vater über meine Schulnoten, den Spaziergängen mit meinem traurigen Kopf. Sie waren zu Gast bei all dem Hauspartys, die ich beherbergte - unsere laute Musik kümmerte sie nicht, unser Gröhlen, Jubeln, Feiern, sie lud uns ein, wach zu bleiben, und ließ uns frei sein, wild sein. 
Die Nacht in meinem Dorf schaute zu, als ich mich verliebte, und schenkte uns elf Sternschnuppen am selben Abend. Wir tanzten auf der nackten Landstraße um 1 Uhr nachts, und es war, als hätte die Nacht sie für uns abgesperrt. Tagsüber ist mein Dorf vieles, doch nachts ist es nur eines, und zwar friedlich, und ganz egal, was mit dem Rest der Welt passiert, dieser Frieden wird für immer in diesen schlecht gepflasterten Straßen wohnen.