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is where your heart is.
Das
Zitat stand in rot ausgemalten Großbuchstaben auf dem Abschiedsbuch,
das ich im Herbst 2014 in meinem Freundeskreis herumreichte.
Drumherum Fotos vom Sydney Opera House, den Twelve Apostels, der
Skyline von Brisbane. Die Vorstellungen über mein anstehendes
Auslandsjahr zirkulierten um all diese großen Touristenmagneten, von
denen ich letztendlich kaum etwas tatsächlich gesehen habe.
Der
Flug am 22. Januar 2015 war nicht nur der erste Flug meines damals
erst fünfzehn Jahre langen Lebens, sondern auch der Start in eine
lange Entdeckungsreise rund um die Welt und auch um mich selbst.
Ich
dachte, Australien würde mein zweites Zuhause werden. Und in
gewisser Weise war dem auch so. Aber im Sturm der Selbstfindung, der
zu dieser Zeit um mich wirbelte, dachte ich vorallem zum ersten Mal
in meinem Leben über mein erstes Zuhause nach –
das Zuhause, aus dem ich gekommen war, und das nun fehlte.
Und
reagierte überrascht, als irgendwann das Geräusch des Rasenmähers
meines Gastvaters urplötzlich einen tiefen, innigen Sinn für Heimat
in mir auslöste. Oder der Geruch von Gewitterregen. Oder
Mineralwasser. Aber was ist eigentlich Heimat? Warum ist das Dorf, in
dem ich aufgewachsen bin, mein Zuhause?
Wo
komme ich her? Und was bedeutet das für mich?
Und
so saß ich am Strand der Zwei-Millionen-Metropole Perth und begann,
nachzudenken.
Mein
Dorf hat um die 440 Einwohner. Ich sage immer, mit drei Vierteln
davon bin ich verwandt. Manchmal lache ich dabei, aber eigentlich ist
es wahr. Wir haben keine Supermärkte, Ärzte, Friseure oder
Drogerien. Aber wir haben einen Kanal, einen kleinen Campingplatz,
einen Gasthof, eine Maschinenbaufirma, eine kleine Grundschule und
einen Kindergarten. Letztere besuchte ich beide. Es gibt eine
Hauptstraße. Die Kühe stehen noch auf großen Weiden.
Im
Sommer duftet mein Dorf nach braunem Kanalwasser und Gülle.
Motorradfanatiker jagen das Tempolimit der Landstraßen. Familien
radeln im Entenmarsch zur Eisdiele, entlang der Deiche, die sich
durch den Ort schlängeln. Kinder fahren mit dem Fahrrad zum Badesee,
rufen sich Sachen zu, lachen laut. Man hört Rasensprenger, Bienen,
und immer irgendwo einen Rasenmäher.
Meine
emotionale Bindung zu Rasenmähern ist sehr stark, und manchmal ist
das komisch. Jetzt wohne ich in einer Drei-Zimmer-Stadtwohnung mitten
in Magdeburg, und wenn die Wohngenossenschaft die Gärtner schickt,
um den Rasen vor dem Haus zu mähen, sitze ich am Fenster und träume,
wie mein Papa mir früher auf unserer Wiese einen Gang ins hüfthohe
Gras mähte, in dem ich dann in meinem blauen Arielle-Kleid
Seifenblasen pustete oder so etwas.
Der
Herbst legt sich verwunschen und müde auf die Maisfelder meines
Dorfes. Das Ernte-Dank-Fest zieht durch die Straßen und alle sind
dabei. Es wird geschmückt, gewunken, gelacht und natürlich viel
getrunken. Irgendwann ist der Mais geerntet und die Blumen verblüht.
Die Blätter gefallen und die Sonne verschwunden. Ein Teppich aus
Buchen- und Kastanienblättern in allen Farben eines Sonnenuntergangs
lädt zum Basteln und Rascheln ein. Der erste Raureif bedeckt den
Garten. Nebelschwaden ziehen über die Felder und verstecken die
Rehe, die dort in der Früh grasen. Irgendwann muss man eher
aufstehen, um die Windschutzscheibe vom Auto freizukratzen. Winter
ist, morgens um sieben in der Dunkelheit bei Kerzenlicht Kaffee zu
trinken. Nach Totensonntag werden die Häuser dekoriert. Es winden
sich nun überall Lichterketten um die Hecken und Büsche. An
Heiligabend trifft sich das Dorf in der Kapelle. Man kennt jedes
Gesicht. Und es gibt ein Krippenspiel.
Aber
ich denke, der Charakter meines Dorfes lässt sich am besten erfassen
in der Zeit nach Neujahr und vor Ostern, die sich über den Kalender
spannt wie ein klebriges, unsichtbares Spinnennetz, in dem man sich
leicht verfängt, wenn man nicht aufpasst. Wenn die Weihnachtslichter
heimlich und plötzlich aus den Vorgärten, von den Straßenlaternen
und Fensterbänken verschwinden und die Nacht trotzdem jeden
Nachmittag um 17 Uhr einzieht.
Wenn
die Erinnerung an Geschenkpapier und Schokolade ersetzt wird durch
zerfetztes Laub, das niemand mehr sehen will, weil der Herbst längst
vorbei ist, und Regenpfützen, die niemand sehen will, weil es Winter
ist und eigentlich schneien soll. Aber es hat schon lange nicht mehr
geschneit. Unter dem Siegel der freiwilligen Feuerwehr, der
Landjugend, dem Ortsbürgerverein und was für Organisationen
man sich noch ausdenken kann, die ein regelmäßiges Zusammenkommen
rechtfertigen, wird dieser eine, dunkle, lang gedehnte Atemzug von
Neujahr bis einschließlich Pfingsten allerorts ohne Scham schön
getrunken. Das Bild von bollerwagenziehenden, biertrinkenden
Menschengruppen, die in eisiger Kälte fünf bis zehn Kilometer zum
Gasthof der Wahl pilgern, wird nicht hinterfragt.
„Oh,
guck mal. Kohltouren fangen wieder an.”
Man
sollte denken, auf einem Dorf, da kann man sein, wie man will. Und
doch hangelt man sich auf einer Skala von so kannst du doch
nicht rausgehen und wieso, wer sieht mich
denn? täglich an den gesellschaftlichen Hotspots Edeka,
Lidl und Aldi im Nachbardorf entlang und begeht damit ein nicht
geringes Risiko, zwischen den Essiggurken und dem
Gut-und-Günstig-Mais die Schwägerin der Cousine der Mutter deiner
Grundschulfreundin zu treffen. Man unterhält sich der Höflichkeit
halber eine Viertelstunde über Lapalien, blockiert mit den
Einkaufswägen den Gang, geht unter gegenseitigen Grüßwünschen
getrennte Wege und vergisst sich, bis man sich elf Monate später im
Wartezimmer des Hausarztes wiedersieht und das Ganze von vorne
beginnt.
In
meinem Dorf wohnen viele Bauernfamilien, dessen minderjährige Söhne
am Wochenende 28.000 kg schwere Landwirtschaftsfahrzeuge durch die
ohnehin schon mangelhaft gepflasterten Nebenstraßen kutschieren. Man
kennt sich, man nickt sich zu, sagt moin. In meinem
Dorf wohnen viele ältere Menschen, die schon da waren, bevor es eine
feste Straße gab, geschweige denn Autos, um darauf zu fahren.
Das
Haus meiner Großeltern wurde 1948 gebaut. Ein wunderschönes Haus
mit romantischen kleinen Ecken, in denen süße Orchideen aus dem
Fenster schauen - mit Winkeln und Schrägen und einem Keller, in dem
selbstgemachtes Apfelmuß und Marmelade lagert – und überall, wo
Platz ist, hängen von Oma genähte bunte Wandbehänge, die an
Frühling erinnern und an Ewigkeit.
Jedes
Zimmer hat seine eigene Geschichte, und der Holzboden knarzt und
wackelt, wenn man das Obergeschoss betritt. Das Haus ist alt. Aber es
könnte perfekter nicht sein.
Die
Mutter meiner Oma, meine Uroma Anna, nach der ich benannt wurde,
hatte drei Töchter und einen im Krieg gefallenen Ehemann. Die
Dorfgemeinde baute ihr das Haus – jemand kannte einen Maurer, der
brachte Steine, der traf jemanden, der einen Dachdecker kannte, der
kam und legte die Ziegel; jeder half, wo er konnte. In einem Teil des
Hauses wurden damals noch Schweine und Hühner gehalten. Später war
dort die Postzentrale der Gemeinde. Heute hat in dem Zimmer mein Opa
sein Büro, in dem er Dokumente archiviert. Fotografien vom Dorf,
bevor es unser Dorf war – nur vereinzelte
Bauernhöfe und Ackerland. Für ihn ist das Hobby-Wissenschaft. Für
Oma zeigen die Fotos Familie. Für Mama Jugend. Und für mich sind
sie ein Tor in eine andere Welt. Ich sehe meine Mutter als junges
Mädchen im Garten spielen. Kein einziges Auto in Sicht. Keine
Straßenschilder. Keine Nachbarshäuser. Nur Feld und blauer Himmel.
Links und rechts Blumenbüsche in den prächtigsten Farben. Umzäunte
Beete hinter dem Teich. Da steht heute das Haus meiner Eltern. Mein
Dorf ist nicht vor zwanzig Jahren aus dem Boden geschossen. Es war
schon immer da. Es ist alt. Es knarzt und wackelt. Wie die Bäume an
jedem Straßenrand. Aber alles hier bedeutet etwas. Hat eine
Geschichte. Verbindet alles, irgendwie. Und darum könnte es
perfekter nicht sein.
Dann
gibt es die Siedlungen der Wieder-Auf’s-Land-Ziehenden – rot oder
grau geklinkerte saubere Neubauten mit riesigen Badezimmern,
Fußbodenheizung und hölzernem Carport – bewohnt von Familien mit
zwei Kindern mit neumodischen, exotischen Namen. Die Mütter gehen zu
Bastelabenden der Frauengruppe oder besuchen Tupperpartys, während
ihre Männer die Samstage nutzen, um den inoffiziellen Wettkampf mit
dem Titel “Wer hat die lauteste Gartenmaschine?” auszutragen oder
ihre Labradore durch die Siedlung zu schieben, vorbei an Nachbarn,
die man entweder zum Frühschoppen einlädt oder über die man sich
empört. Sonntags um Zehn klingen die Glocken einer Kapelle, die seit
zehn Jahren von denselben fünf Frauen besucht wird, eine davon ist
die Pastorin, und dann ist es still, denn an Sonntagen ist man leise.
Nichts davon ist schlecht oder schlimm – für mich ist es genauso
Idylle wie alles andere. Es ist in sich stimmig. Wenn mein Dorf eine
Sonate wäre, dann wäre sie in Dur geschrieben.
Vor
meinen Reisen war ich der Meinung, mein Dorf sei öde. Spießig,
traditionell, unflexibel.
Ich
sah nur die nur stündlich fahrende, zwanzig minütige Busverbindung
in den Ort, von dem dann eine weitere stündlich fahrende, zwanzig
minütige Busverbindung in die Stadt führt, in der es dann auch
Kinos gibt oder H&M oder vegane Restaurants. Ich sah nur, wie
fern der Rest der Welt doch war. Und wie anders. Und wie interessant.
Und
dann war ich da, wo es anders war und interessant. Australien rauf
und runter und mitten durch, Fiji, Singapur und später querfeldein
durch Europa, angefangen in Paris, über die Pyrenäen, Lagos, Nizza,
Rom und zurück durch Kroatien, Bosnien, Ungarn.
Und
als ich aus der lauten, bunten und schnellen Welt zurück nach Hause
kam, zurück in mein Dorf, da sah ich Menschen, dieselben Menschen,
die ich immer sehe in meinem Dorf, aber plötzlich sah ich, wie sie
einfach sind, und dazu auch noch zufrieden damit; denen
reicht, was sie haben oder die keine Gedanken verschwenden an das,
was ihnen fehlt. Menschen, die nordic-walken, die mit dem Rollator
oder dem E-Bike die Dorfstraße entlang düsen und dabei einfach
an nichts denken. Die Leute ziehen nicht weg. Sie
bleiben. Sie werden alt. Und dann sterben sie. Im selben Haus, in dem
sie 1942 geboren wurden. In einer Welt voller blinkender Billboards,
stinkender Kraftwerke, zerstörenden Riesenkonzernen, bedrohlich
fortschrittlicher Technologie, manipulativen Meinungsmachern und
vielen bösen Menschen beruhigt es mich, dass ich jederzeit in meine
Heimat zurückkehren kann, um zu sehen; das einzige, was sich hier
verändert hat, ist der Schnitt der Rhododendronhecke von Frau
Rödecker.
Ich
bin stolz, zu diesem Dorf zu gehören. Und obwohl zuhause heute
für mich an so vieles gebunden ist – an die verschiedensten Orte,
Geräusche, Geschmäcker, Gefühle oder Personen... Heimat ist
immer mein Dorf. Und das finde ich schön.
Nun
habe ich das Dorf von allen Seiten präsentiert – habe geredet über
die Jahreszeiten, über die Menschen, die Wochentage, die
Traditionen, die Natur.
Doch
ich muss noch eins ergänzen.
Denn
am allerschönsten finde ich in meinem Dorf die Nächte.
Eine
Sommernacht legt sich beschützend und warm um die Häuser und lässt
die Mücken um halb zehn abends noch zum Zirpen der Grillen tanzen,
obwohl der letzte Sonnenstrahl schon hinter dem Horizont verschwunden
ist. Frösche grunzen aus jeglichen Gewässern. Wenn man um 23 Uhr
noch einmal die Blumenbeete mit dem Gartenschlauch abspritzen will,
ist die Hauswand noch warm vom Sonnenschein. Sommernächte sind keine
Nächte in meinem Dorf, nur dunkle Tage, die Lust machen auf Leben.
Im
Winter ist die Nacht heimlich, bitter und still - und denkt man nur
einmal, man sei einsam und kalt, da schaut man zum Himmel und die
Nacht in meinem Dorf zeigt einem die klarsten Sternenhimmel. Die
Nächte in meinem Dorf schauten zu bei der Nachtwanderung an meinem
sechsten Geburtstag, den Mädelsabenden am Lagerfeuer, den
tränenreichen Gesprächen auf der einen Bank mit meinem Vater über
meine Schulnoten, den Spaziergängen mit meinem traurigen Kopf. Sie waren zu Gast bei all dem Hauspartys, die ich beherbergte - unsere laute Musik kümmerte sie nicht, unser Gröhlen, Jubeln, Feiern, sie lud uns ein, wach zu bleiben, und ließ uns frei sein, wild sein.
Die Nacht in meinem Dorf schaute zu, als ich mich verliebte, und schenkte uns elf Sternschnuppen am selben Abend. Wir tanzten auf der nackten Landstraße um 1 Uhr nachts, und es war, als hätte die Nacht sie für uns abgesperrt. Tagsüber ist mein Dorf vieles, doch nachts ist es nur eines, und zwar friedlich, und ganz egal, was mit dem Rest der Welt passiert, dieser Frieden wird für immer in diesen schlecht gepflasterten Straßen wohnen.
Die Nacht in meinem Dorf schaute zu, als ich mich verliebte, und schenkte uns elf Sternschnuppen am selben Abend. Wir tanzten auf der nackten Landstraße um 1 Uhr nachts, und es war, als hätte die Nacht sie für uns abgesperrt. Tagsüber ist mein Dorf vieles, doch nachts ist es nur eines, und zwar friedlich, und ganz egal, was mit dem Rest der Welt passiert, dieser Frieden wird für immer in diesen schlecht gepflasterten Straßen wohnen.
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