Freitag, 23. März 2018

Krise, glaub ich

- Heute bin ich müde von meiner Art, die Welt zu retten. 
Alles muss sich reimen, doch nichts will ins Schema passen, ich hab Wörter, die ich sagen will, doch sie wollen nicht gesagt werden, heute bin ich müde von meiner Art, die Welt zu retten, und so schlafe ich in den Tag und vergesse, dass ich schreiben kann. -

Die Welt löst sich in meinen Händen auf, wie fein gemahlene Sandkörner rinnt sie mir durch die Finger. Ich drehe meinen Kopf und habe offene Augen und sehe nur Ungerechtigkeit, Leid, Schmerz, Krieg, Blut, Mord, Depressionen, unerfüllte Sehnsüchte, Menschen, die ihre Träume erstickt haben.
Niemand kann die Welt retten. Niemand kann die Welt verbessern. Ich weiß, dass ich nur einen minimalen Kreis der Welt besitze, auf den ich überhaupt den geringsten Einfluss habe.
Ich esse kein Fleisch und trotzdem werden jeden Tag tausende von Küken geschreddert, trotzdem werden jeden Tag Kühe erstochen und Schweine aufgeschnitten. Ich bin für Frieden und trotzdem nimmt der Krieg jeden Tag Kindern die Eltern und Eltern die Kinder. Es ist unfair.
Ich will ein guter Mensch sein, in einer schlechten Welt.

Wenn mich jemand fragt, wie ich mein Leben gestalten würde unabhängig von allem, dann würde ich ihm folgendes beschreiben.
Ich würde nach Hawaii ziehen. Oder an irgendeinen anderen Ort, an dem es Sonne, Meer und viel Natur gibt. Ich würde mir ein kleines Häuschen kaufen und dort Pflanzen anbauen. Tiere behüten. Mir ein kleines Leben aufbauen mit guten Kindern und Liebe und Schutz. Ich würde mir ein altes Klavier kaufen und morgens um fünf, wenn die Vögel schon zwitschern und die Sonne schon die ersten Strahlen ins Tal schickt, um den Taureif von den Blättern zu locken, koche ich mir einen heilenden Kräutertee und spiele sanfte Töne auf den weisen Tasten dieses Klaviers, die mehr wissen als ich, die mehr erlebt haben als ich, und ich würde sitzen und atmen, weil ich die Zeit habe in dem Leben, das ich mir wünschen würde.
Ich könnte mir Früchte und Gemüse vom lokalen Farmer kaufen, der sie mit Liebe gepflückt hat gleich in dem Feld nebenan. Und wenn ich morgens aus meinem Haus in den Garten trete, dann sehe ich Bäume und Magie in den Blättern und keine LKW's voller Nutztiere, die sich nach Tod stinkend auf dem Weg zu ihrem Mord befinden, und ich sehe Bienen und kleine Raupen und keine zugepflasterten Parkplätze mit dreckigen Metallkisten.

Aber man braucht Geld und Wirtschaft und Globalisierung und man braucht graue Mehrfamilienhäuser und Kieselsteine anstatt Grünflächen vor dem Fassadenhaus und man hat Früchte, die mehr geflogen sind als man selbst, und man unterstützt eine Industrie, die unseren natürlichen Lebensraum zerstört. Und man braucht eine gerade geschnittene Hecke und ein symmetrisch angeordnetes Beet und man braucht Medikamente und chemische Arzneimittel. Man hat Bandscheibenvorfälle und Burn-Outs und jeder zweite hatte schon einmal Depressionen. Für alles gibt es eine App, der Kopf verlernt, ein Kopf zu sein, der Mensch verlernt, Natur zu sein und funktioniert ohne zu merken, dass er nicht funktioniert.
Und abends zappt man zwischen der fünften Fortsetzung von Joko & Klaas und dem dreihundertundvierzigsten Tatort und döst vor sich hin, bevor man seine schmerzenden Füße ins Bett schleppt, und sich nicht auf den nächsten Tag freut, denn jeder Tag ist wie der andere, und jedes Jahr ist wie das andere, und irgendwie wollte man einst so viel und hat nichts erreicht, aber das hat man vergessen, weil man den Gedanken nicht ertragen könnte.

Und ich bin 19 und müde, schon jetzt bin ich müde, weil mir gesagt wird, meine Illusionen und Träume seien naiv, weil mir gesagt wird, ich sei träumerisch und unrealistisch. Ich bin schon jetzt enttäuscht von der Welt und dabei habe ich sie noch nicht mal gesehen. Manchmal, wenn die Sonne tatsächlich scheint, da möchte ich etwas bewegen und poste fleißig #crueltyfree #peace #positivity
aber an anderen Tagen merke ich, wie ich in ein großes Nichts hereinrufe ohne eine Antwort zu erhalten, ohne ein Licht erzeugen zu können.
Ich sitze hier und lerne für mein Abitur und alle sprechen von unseren Zukunftsplänen, und ich möchte einfach aufhören, zu wissen, aufhören, zu fühlen und aufhören, zu denken. Denn all diese Dinge werden immer schlimmer, je älter ich werde und je mehr ich die Welt erkenne und verstehe.
Bringt mir bei, wie ich verlerne, ein Mensch zu sein so wie ihr.
Ich glaube, erst dann kann ich auf dieser Erde überleben.





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